Philosophy of Science for (empirical) Linguists (in SS 2010?)

hallo zusammen,

ich wollte mal hören, ob es ein interesse daran gibt, im kommenden Semester, das “Tagesgeschäft” mit ein wenig Wissenschaftstheorie zu versuessen. In letzter Zeit orientiert sich ja in der Linguistik sehr sehr vieles an der Biologie (functional explanation, evolutionary processes,…) und diesen Trend kann man ja eigentlich nur begrüßen. Ich weiss nicht, ob es Zufall ist, aber wir scheinen leider auch eine weitere Eigenschaft mit den Biologen zu teilen, nämlich diejenige, nicht gerade die Könige der Theoriebildung zu sein. Wie dem auch sei, ich denke, dass in Zeiten, wo alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen der Empirie ist, von den vermeintlichen Vorreitern oft nur noch milde belächelt wird, mehr denn je ein grosser Bedarf entstanden ist, die neuen Wege der Linguistik wissenschaftstheoretisch abzuklopfen.

Und dabei meine ich gar nicht das komische Gefühl, was in mir immer aufkommt, wenn ich Brown & Miller”s “Concise Encyclopedia of Syntactic Theories” in der Hand halte und mich frage, wieso wir eigentlich immer noch gefühlte 100,000 Syntaxtheorien parallel unterhalten…Was mir vorschwebt, betrifft Fragen, die sich mE jeder empirisch arbeitende Wissenschaftler irgendwann mal stellen sollte. Hier ein kleiner (absolut unsortierter) Auszug aus dem Katalog möglicher Fragen:

– kann man durch iteratives Ablehnen von NIL-hypothesen eigentlich überhaupt irgendwann zu einer vollständigen linguistischen Theorie gelangen (also, bevor unsere Sonne verglüht)?
– was ist eigentlich der Unterschied zw. P(hypothesis|data) und P(data|hypothesis)? was davon suchen wir eigentlich und muss man das überhaupt wissen?
– wie verhalten sich eigentlich explorative und hypothesenprüfende verfahren zueinander und wohin bewegt sich das feld/bzw sollte es sich bewegen
– wenn wir strukturerkennede bzw. strukturgebene verfahren (zb. cluster analysen) einsetzen, wie koennen/sollten wir gegebene strukturen am besten validieren (und welche epistemologische rolle kommt dabei ggf. simulierten daten zu?)
– was ist verhältnis von linguistischer theorie und methode? gibt es auf der einen seite die theoretiker und auf der anderen die “number-cruncher”?
– sollten wir die konstrukte einer theorie nicht vielleicht über ihr messverfahren operationalisieren, anstatt dies konzeptuell zu tun? ich sag nur: prototypikalität von wortbedeutung und dessen definition über “cognitive saliency, frequency, centrality in some network, time of first attestation, time of acquisition, difficulty for L2 learners,…I could go on ;)…maybe these things should *not* be unified under a single label)
– [to be continued]

inspiriert von dem (von mir so wahrgenommenen) erfolg unserer R gruppe, würde ich für diejenigen, die dazu lust haben, im kommenden SS ein wöchentliches treffen organisieren (denn ich muss ja immer noch nicht unterrichten 🙂 und möchte mich natuerlich trotzdem gern für die belange unseres schönen instituts einsetzen.

so, let me know if you are interested and I will start collecting appropriate materials

cheers,
daniel

BTW: ich schlage übrigens vor, wir lassen die R gruppe einfach weiter laufen – gerne auch in der vorlesungsfreien zeit (wer urlaub macht oder keine lust mehr hat, muss natuerlich nicht kommen…ganz nach onkel humboldt)

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